Inhaltszusammenfassung:
In der Entwicklungsgeschichte französischer Sicherheitspolitik und -praxis zeichnen sich deutlich zwei gegenläufige Trends ab. Diese Gegenläufigkeit ist im Antagonismus republikanisches vs. liberalistisches Sicherheitsmodell auf den Begriff gebracht. Das republikanische Sicherheitsmodell steht für Zentralismus, Repression und Ordnungspolizei, sowie traditionelles, am Schuldprinzip orientiertes Strafrecht. Das liberalistische Sicherheitsmodell steht für Dezentralisation, Prävention und Sicherheitspolizei, sowie postmodernes, am Risikobegriff orientiertes Strafrecht. Im pasquaschen Rahmengesetz zur inneren Sicherheit (loi d'orientation et de programmation rel. a la securite) ist die Kontradiktion beider Modelle gleichsam dialektisch aufgehoben. Das Gesetz ist nicht nur Spiegelbild der gesamten sicherheitspolitischen Entwicklungsgeschichte Frankreichs, sondern auch beispielhafte Darstellung dessen, was die typisch französische Variante des mit dem Rüstzeug der Postmoderne aufbereiteten Rechtspositivismus des 19. Jahrhunderts ist.