Dissertation gesperrt bis 16.04.2028
Dauergrünlandflächen gehören in Mitteleuropa zu den wichtigsten Lebensräumen für Arthropoden. Das Mähen ist dabei sowohl eine ökologische Notwendigkeit als auch eine Störquelle. Es verhindert Sukzession und erhält artenreiche Wiesenökosysteme, verursacht jedoch zugleich direkte und indirekte Verluste bei Arthropoden durch mechanische Störungen, Lebensraumveränderungen, ein erhöhtes Prädationsrisiko und mikroklimatischen Stress. Das Ausmaß dieser Effekte hängt von der Vegetationsstruktur sowie den funktionellen Merkmalen der betroffenen Taxa ab. Obwohl in der Vergangenheit durch verschiedene technische Innovationen, sogenannte „insekten-freundliche“ Mähtechnik, entwickelt wurden, fehlen bislang belastbare empirische Daten, die deren Wirksamkeit unter realistischen Feldbedingungen belegen.
Die vorliegende (kumulative) Dissertation schließt diese Forschungslücke durch einen interdisziplinären Ansatz, der ökologische und agrartechnische Aspekte kombiniert, und liefert die erste umfassende Bewertung der direkten und mittelfristigen Auswirkungen des Mähens auf Arthropodengemeinschaften in landwirtschaftlichem Grünland. Untersucht wurden (1) die direkten und mittelfristigen Auswirkungen von Scheiben- versus Balken-mähwerken, (2) das Potenzial modifizierter Scheibenmähwerke zur Verringerung der mahdbedingten Mortalität von Arthropoden und (3) die Wirksamkeit verschiedener Insektenscheuchvorrichtungen, die das Entkommen von Insekten vor dem heran-nahenden Mähwerk ermöglichen sollen.
Über drei aufeinanderfolgende Jahre wurden experimentelle Feldstudien unter standardisierten Bedingungen in einem randomisierten Blockdesign durchgeführt. Die direkten Effekte wurden unmittelbar nach dem Mähen mit Isolationsquadraten und Insektensaugern erfasst, während die mittelfristigen Effekte (bis zu vier Wochen nach der Mahd) mit Bodenfallen und Keschern untersucht wurden. Die erfassten Arthropoden wurden auf Ordnungs-, Familien- oder Artniveau bestimmt und entsprechend ihrer Lebens- und Ernährungsweise in funktionelle Gruppen klassifiziert, um taxon- und merkmalsspezifische Reaktionen auf das Mähen zu analysieren.
Die Ergebnisse zeigen, dass Mähen generell die Häufigkeit der meisten Arthropoden-Taxa deutlich verringert. Die direkten Verluste lagen im Vergleich zu ungemähten Kontrollflächen zwischen 17 und 55 %. Entgegen bisherigen Annahmen verursachten Doppelmesser- und Scheibenmähwerke ähnlich starke Reduktionen in der Arthropodenabundanz. Dies deutet darauf hin, dass die durch die rotierenden Messer der Scheibenmähwerke erzeugte Sogwirkung nur eine untergeordnete Rolle beim Verlust von Arthropoden während des Mähens spielt. Modifikationen an Scheibenmähwerken, die zur Verringerung dieser Sogwirkung entwickelt wurden, führten entsprechend nur zu geringfügigen Verbesserungen. Eine Erhöhung der Schnitthöhe auf 13 cm bot zwar einen gewissen Schutz, brachte jedoch gegenüber der üblichen Schnitthöhe von 7 cm keine nachhaltigen Vorteile für das Überleben der Arthropoden und führte mittelfristig nicht zu einer höheren Abundanz. Unter den getesteten Insektenscheuchen erwies sich das Gebläse als am effektivsten und reduzierte je nach Arthropodengruppe die Individuenzahl um bis zu 60 %. Mechanische Scheuchvorrichtungen zeigten dagegen eine geringere Wirksamkeit, die stark von Fahrgeschwindigkeit, Vegetationsstruktur und den artspezifischen Fluchtmechanismen abhing.
Die Bewertung der mittelfristigen Auswirkungen ergab, dass das Mähen die Gesamtabundanz reduziert und die Zusammensetzung der Arthropodengemeinschaften verändert. Besondern betroffen waren vegetationsbewohnende und phytophage Taxa, während bodenbewohnende und zoophage Gruppen mittelfristig neutral bis leicht positiv reagierten. Bray-Curtis-Dissimilaritäten deuten darauf hin, dass empfindliche Arten entweder durch tolerantere ersetzt wurden (vor allem bei bodenbewohnenden und zoophagen Arthropoden) oder vollständig verschwanden (vor allem bei vegetationsbewohnenden und phytophagen Arthropoden). Dies weist auf eine funktionale Homogenisierung innerhalb der Arthropodengemeinschaft hin.
Insgesamt verdeutlichen die Untersuchungen, dass das Mähen die Zusammensetzung von Arthropodengemeinschaften nachhaltig verändern könnte. Das Ausmaß und die Richtung dieser Effekte hängen stark von taxonspezifischen Merkmalen wie Mobilität, Körpergröße, Mikrohabitatnutzung und Ernährungsweise ab. Technische Innovationen können zwar einen Teil der unmittelbaren Verluste mindern, besitzen jedoch nur begrenztes Potenzial, die mittelfristigen, durch das Mähen verursachten Verluste auszugleichen. Für den Erhalt der Arthropodenvielfalt in landwirtschaftlichen Grünland-ökosystemen ist es daher unerlässlich, ungemähte Rückzugsflächen vorzusehen, die als Refugien für überlebende Individuen dienen und eine Wiederbesiedelung der gemähten Bereiche ermöglichen.