Inhaltszusammenfassung:
Die Untersuchung befasst sich mit dem Keramikkomplex der Siedlung Dzhankent. Dzhankent ist eine frühmittelalterliche Siedlung, deren Ruinen im östlichen Aral-See-Gebiet, unweit des Deltas des Flusses Syrdarja, liegen. In mittelalterlichen arabischen und persischen Quellen wurde Dzhankent als Hauptstadt der Oghusen-Herrscher erwähnt. Die archäologischen Untersuchungen von Dzhankent begannen im Jahr 2005 und werden bis heute fortgeführt. Das wichtigste archäologische Material, das an der Fundstätte entdeckt wird, ist Keramik. Die Untersuchung befasst sich mit der Keramiksammlung, die im Zeitraum von 2006 bis 2020 an der Fundstelle geborgen wurde. Die umfangreiche Sammlung umfasst etwa 20.000 Einheiten. Im Rahmen der Arbeit wurden eine Klassifizierung und eine Typologie der Keramik erstellt. Bei der Untersuchung der Keramiksammlung wurde ein komplexer Ansatz verfolgt. Neben der archäologischen Klassifizierung und Typologie wurden auch naturwissenschaftliche Analysen an der Keramik durchgeführt. Konkret wurden petrographische Analysen sowie Lipidanalysen durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen ermöglichten es, die vorläufigen Schlussfolgerungen zur Keramik zu bestätigen. Die Dissertation ist in fünf Kapitel untergliedert. Das erste Kapitel widmet sich der Problemstellung sowie dem geografischen und kulturellen Kontext. Zudem werden die Quellenlage und die Forschungsgeschichte des Fundplatzes beleuchtet. Darüber hinaus werden die Methodik und das Untersuchungsmaterial vorgestellt. Das umfangreichste zweite Kapitel widmet sich der Klassifizierung und Typologie der Keramik. Im dritten Kapitel wird die räumliche und zeitliche Einordnung der Keramik untersucht. Das vierte Kapitel präsentiert die Ergebnisse zur Untersuchung der technologischen Besonderheiten der Keramikproduktion der Siedlung Dzhankent. Schließlich werden im fünften Kapitel die Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst und die abschließenden Schlussfolgerungen gezogen. Archäologische Untersuchungen in Dzhankent zeigen, dass Keramikfunde in allen Fundkomplexen der Siedlung eine zentrale Rolle spielen. Die Herstellung von Keramik erfolgte auf drei verschiedene Arten. Die universellste Methode ist die Handmodellierung der Gruppe I, die es den Töpfern von Dzhankent ermöglichte, alle Arten und Formen von Gegenständen aus Ton herzustellen. Diese Gruppe nimmt den größten Anteil der Dzhankent-Keramik ein (74%). Keramiken der Gruppe I wurden aus hocheisenhaltigem Ton mit Zusätzen von Schamotte, organischem Material und seltener Sand und Kalk hergestellt. Diese Keramikgruppe ist wiederum in zwei weitere große Untergruppen unterteilt. Bei der Keramik der Gruppe II ist ein relativ hoher Standardisierungsgrad zu beobachten. Die Gruppe umfasst vergleichsweise große Waren, deren Formung ohne die Verwendung einer Töpferscheibe höchstwahrscheinlich sehr schwierig ist. Die Rezeptur der Formmasse der Keramik dieser Gruppe ist nahezu identisch mit jener der Tafel- und Vorratsgefäße der vorherigen Gruppe I. Hierbei handelt es sich um hochwertig gebrannte Waren, wobei sogar ein im Klinkerbrand hergestelltes Exemplar geborgen werden konnte. Hier lassen sich drei Warenkategorien mit sechs bzw. 18 Varianten differenzieren (Tafel- bzw. Vorratsgeschirr, Spezialwaren). Auf diese Weise wurden mittelgroße und große Tafeltöpfe, Hum, Becken, Tazare und Dastarkhane hergestellt. Der Anteil dieser Gegenstände am Dzhankent-Keramikbestand ist am geringsten (9 %). Die Formen und Proportionen beider Topfvarianten ähneln handgefertigten Tafeltöpfen (Gruppe I) und beiden Varianten liegt höchstwahrscheinlich der Dhzety-asar-Gefäßtyp zugrunde. Zu den Töpferwaren der Gruppe III gehört im professionellen Handwerk getöpferte Keramik, die ausschließlich auf einer Drehscheibe geformt wurde. Der Anteil dieser Keramikgruppe am Gesamtkomplex beträgt 17 %. Diese Keramiken repräsentieren vier Produktkategorien mit 14 Typen und 21 Varianten. Dies sind Tafeltöpfe mittlerer und kleiner Form, Krüge, große Vorratskannen mit einem oder zwei Henkeln (letztere sind den Amphoren ähnlich), Tafelkannen, Schalen, Digir und Dastarkhane. Zu dieser Gruppe rechnen auch einzelne Haushaltsgegenstände. In der Zusammensetzung der Formmassen der Gefäße sind geringfügige Beimischungen von Sand, organischer Substanz und Kalk nachweisbar. Die Außenoberfläche der Keramik war, mit Ausnahme von großen Schalen, praktisch nicht engobiert bzw. poliert. Auf der Außenoberfläche einiger Gefäße ist eine neue Methode der Oberflächenbehandlung zu erkennen: vertikale Schnitte im unteren Teil von Vorratskannen und Digir, angefertigt mit einem unbestimmten flachen Gegenstand. Die Oberfläche großer Vorratskannen zeigt Streifen und Spritzer von roter oder dunkelgrauer Engobe. In allen Fällen ist ein hochwertiger Brand im Hochtemperaturofen zu erkennen gelegentlich auch Herstellung im Klinkerbrand. Eine Reihe von Gefäßen der Gruppe III (Töpfe, Kannen, Schalen, Digir) zeichnen sich deutlich durch eine hohe Formungsqualität, eine abweichende Zusammensetzung der Formmasse und eine spezielle Gefäßform aus. Parallelen für diese Gegenstände lassen sich an Fundorten in Choresmien finden, von wo sie höchstwahrscheinlich importiert wurden. Die Gruppe III umfasst auch glasierte Keramik, deren Anteil am Gesamtbestand minimal ist (weniger als 1 %), und durch Tafelgefäße – Schale, Töpfe und Kannen – vertreten ist. Größtenteils sind die gefundenen glasierten Gefäße fragmentiert. Bei der Analyse der Funde konnten vier Arten von Glasuren festgestellt werden, die sich durch Auftragstechniken sowohl der Glasuren selbst als auch des Unterglasurdekors unterscheiden. Die gesamte glasierte Keramik stammt höchstwahrscheinlich nicht aus lokaler Produktion. Die engsten Parallelen finden sich unter den Keramikfunden des 8.–11. Jahrhunderts am mittleren Syr-Darya, in der Oase von Taschkent und in Choresmien. Die Analyse des Keramikmaterials aus Dzhankent hat es ermöglicht, einige Schlüsse zur Chronologie der Fundstelle zu ziehen. Somit passt die Chronologie der Siedlung, basierend auf der Analyse der Keramik, in den Rahmen des 7.(8.) – 10.(11.) Jahrhunderts n. Chr. Niedrigere Datierungen – 7.-8. Jahrhundert. – basierend auf Materialien aus der frühesten Schicht der Sondage bei S1. Die Materialien der oberen Bauhorizonte bei S1 reichen bis ins 9. Jahrhundert zurück – 10.(11.) Jahrhundert. Die höheren Daten (10.-11. Jahrhundert) anhand von glasierter Keramik bestimmt wurden, die der glasierten Ware aus Choresmien ähnelt. Diese Angaben werden durch eine Reihe von 14C-Daten aus S2 bestätigt, die die Fundstelle ins 7. bis 11. Jahrhundert n. Chr. datieren. Diese Datierungen wurden auch durch die Ergebnisse archäozoologischer Untersuchungen bestätigt. Die Klassifizierung und Analyse der Keramik von Dzhankent ermöglichten es, ein breites Spektrum an Analogien im Gebiet von Kasachstan und Zentralasien aufzuzeigen.Die Untersuchung des vorhandenen Keramikmaterials von Dzhankent hat es uns ermöglicht, eine Reihe von Schlussfolgerungen über den vorliegenden Kulturkomplex zu ziehen, etwa über die Vorgänge der Entstehung der Dzhankent-Keramik, die eng verbunden waren mit ethnopolitischen und sozioökonomischen Prozessen, welche sich zur betreffenden Zeit in der Aral-See-Region und der Syr-Darya-Region abspielten.