Inhaltszusammenfassung:
Diese Dissertation untersucht, wie das Konzept der Transitional Justice im schulischen Kontext vermittelt wird. Im Zentrum steht die Analyse von Geschichtsschulbüchern aus Deutschland und Taiwan in Bezug auf die Darstellung politischer Repression und die Aufarbeitung staatlichen Unrechts. Ziel ist es, zu bestimmen, in welchem Umfang die fünf Prinzipien der Transitional Justice berücksichtigt werden. Dazu zählen die Wahrheitsfindung, die Strafverfolgung, die Wiedergutmachung, die Garantien der Nichtwiederholung sowie die Erinnerungsarbeit. Ergänzend wird analysiert, inwieweit die sechs didaktischen Dimensionen der UNESCO zur Geschichtsvermittlung in den Schulbüchern Anwendung finden.
Die Analyse basiert auf einer qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) und verwendet einen deduktiv entwickelten Kodierleitfaden. Die Analyse zeigt, dass deutsche Schulbücher kognitive Analyse und strukturelle Systemkritik betonen, während in Taiwan affektiv-reflexive Ansätze mit biografischer Nähe und moralischer Sensibilisierung dominieren. In beiden Ländern stehen Wahrheitsfindung und Garantien der Nichtwiederholung im Fokus, wobei taiwanesische Lehrwerke zusätzlich die Wiedergutmachung und erinnerungskulturelle Anerkennung besonders hervorheben. Der Begriff „Transitional Justice“ wird nur in Taiwan explizit eingeführt. Beide Länder verfolgen komplementäre Ansätze, deren integrative Verbindung ein zukunftsweisendes Potenzial für historisch-demokratische Bildung bietet.
Auf Grundlage dieser Beobachtungen empfiehlt die Studie eine Verbindung kognitiver und affektiver Zugänge im Geschichtsunterricht. Das entwickelte Analyseraster stellt eine praxisnahe Grundlage zur Qualitätsentwicklung von Unterrichtsmaterialien dar und kann als Instrument zur Evaluation schulischer Geschichtsdarstellungen im Sinne historischer Gerechtigkeit dienen.