Inhaltszusammenfassung:
Die vorliegende Dissertation widmet sich der Untersuchung des immanenten Dilemmas der neuplatonischen Henologie sowie der Legitimität des „Philosophieren des Einen“ bei Plotin. Das Dilemma der Legitimität des Henologie gründet in einem Konflikt zwischen dem Einen als absoluter Unaussprechlichkeit und universeller Form der Einheit zugleich. Anhand ausgewählter Textstellen lässt sich nachvollziehen, dass Plotin kein systematischer Metaphysiker war. Stattdessen basieren alle systematischen Bemühungen sowie die Legitimität der Henologie in erster Linie auf der Henosis. In der Henosis, dem Höhepunkt von Plotins Philosophie, manifestiert sich eine notwendige Konsequenz seines metaphysischen Denkens: Die absolute Transzendenz des Ursprünglichen ist letztlich auf die absolute immanente In-Differenz zwischen dem Prinzip/Emanator und Prizipiat/Emanat zurückzuführen. Das genannte Kriterium spielt auch in Plotins Nuslehre eine zentrale Rolle, von der aus in der vorliegenden Untersuchung das komplexe Verhältnis zwischen Seele und Nus sowie Nus und dem Einen in Plotins Lehre erörtert wird. Dabei wird ein absoluter Monismus Plotins verteidigt.
In Kapitel 2 wurde der Text von Enneaden V3 einer Analyse unterzogen, um die „In-Differenzierung“ zwischen dem Nus und dem Einen im Hinblick auf die Frage zu untersuchen, ob der Nus sich selbst erkennen kann. Die Möglichkeit zur Selbsterkenntnis als holistisches Modell ist nur gegeben, wenn die inhärente Kontinuität zwischen dem Nus und dessen Ursprung bei Plotin betont wird. In diesem Kontext kann die Hinwendung zum Einen als eine Hinwendung zum Selbst betrachtet werden. Erst durch diesen Ansatz wird es möglich, die Emanationslehre und die negative Theologie unter der In-Differenzthese miteinander zu verbinden.
In Kapitel 3 wird eine Diskussion über den Begriff der „Nicht-Differenzierung“ aus der Perspektive der Erzeugung des Nus durch das Eine diskutiert. Die Unterscheidung zwischen der zweifachen Bedeutung des Denkens sowie die inhärente Ununterscheidbarkeit des Einen und des Nus resultiert in einer Hierarchie, die vom Einen zum Vielen führt. Diese hierarchische Ordnung basiert auf der Überkausalität der „Nicht-Verursachung als Verursachung“ und ist gekennzeichnet durch einen Monismus, der sich um den Begriff der „In-Differenzierung“ herum organisiert. Letzterer stellt ein zentrales Element in Plotins Denken dar.
In Kapitel 4 erfolgt eine Analyse des Textes von Enneaden VI8, wobei die Beziehung zwischen dem Einen und dem Nus aus der Perspektive der Frage von Freiheit und Notwendigkeit untersucht wird. Das Konzept der Negativität, welches in die In-Differenzthese eingebettet ist, bildet die Grundlage, um das Dilemma von Freiheit und Notwendigkeit aus der Perspektive der Emanationslehre zu lösen.
In Kapitel 5 wird die Diskussion der Konzepte von Freiheit und Selbstverursachung aus Kapitel 4 fortgesetzt, indem die Dilemmata und Transformationen von Plotin und Proklos in der Frage der Selbstverursachung und Kausalität aus einer größeren vertikalen Dimension der neuplatonischen Philosophiegeschichte heraus untersucht werden. Im Rahmen der Interpretation der Philosophie Plotins wird ein nicht-reduktionistischer Monismus betont. Die In-Differenzthese erlaubt die Schlussfolgerung, dass Plotin eine einzigartige Lehre vertritt, welche das absolut selbstbezuglose, unverursachte Eine mit dem selbstverursachenden Einen, das sich selbst erschafft, undifferenziert ist. Diese In-Differenzierung spielt eine grundlegende Rolle bei der Aufrechterhaltung seiner monistischen Systemstruktur.